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Legacy-Systeme modernisieren: Wie die Deutsche Bahn ihr 40 Jahre altes Reservierungssystem ablöste

Geschrieben von iteratec | 29.06.2026 12:13:15
 

Alle Bahnreisende kennen es: Das kleine Display über dem Sitzplatz im ICE. Dahinter steckt ein hochkomplexes Reservierungssystem, das heute täglich viele Millionen Anfragen verarbeitet. Nach über 40 Jahren wurde das Legacy-System nun erfolgreich modernisiert – ein Paradebeispiel für IT-Modernisierung in Großunternehmen. Der Go-Live erfolgte sechs Monate früher als geplant, „unter dem rollenden Rad“ ohne einen einzigen Ausfall. Im Interview erklärt Karsten Will, fachlicher Projektleiter bei der Deutschen Bahn, wie das gelang und welche Rolle iteratec dabei spielte.

Herr Will, fast alle Bahnreisenden kennen die Reservierungsanzeige im ICE oder die Platzauswahl im Navigator. Was steckt dahinter?

Dahinter steckte ein System, das in den 80er Jahren für wenige Fernverkehrszüge konzipiert wurde und dann exponentiell gewachsen ist. Bis vor wenigen Jahren haben es viele europäischen Bahnen genutzt. Es verwaltete nicht nur normale Züge, sondern auch Nachtzüge, Autozüge, Schiffe, sogar Parkhäuser. Am Ende hatten wir täglich mehrere hunderttausend Reservierungen durchgeführt, in einem System, das ursprünglich für vielleicht tausend Plätze gedacht war. 

Ein technisches Wunder, das aber zunehmend kritisch wurde: Die Hardware war nicht mehr zeitgemäß und auch die Kolleg:innen, die das System hätten pflegen können, gingen nach und nach in den Ruhestand. Der Betrieb dieses Altsystems wurde dadurch immer risikobehafteter, ein klassisches Problem bei Legacy-Systemen. Eine Modernisierung war der logische nächste Schritt in der IT-Landschaft des DB-Fernverkehrs.

Die Modernisierung war eine Mammutaufgabe, die im laufenden Betrieb ohne Ausfälle für Millionen Reisende bewältigt werden musste.

Ja, das stimmt. Wir mussten die Reservierungen auch während der Modernisierung laufend bedienen. Hinzu kommt, dass es bereits zwei gescheiterte Modernisierungsversuche gab. Aber genau die haben uns aufgezeigt, wo die neuralgischen Punkte liegen. Heute hat das Reservierungssystem die laststärkste Schnittstelle im gesamten Vertriebs-Backend der DB: unsere Verfügbarkeitsauskunft. Jedes Mal, wenn jemand den Navigator öffnet und die Auskunft aufruft, läuft für jeden einzelnen Fernverkehrszug in der Verbindungsübersicht eine Anfrage über unser System. Das sind in der Spitze aber auch mal 5000 Anfragen pro Sekunde. Für diese Last waren sogar unsere Monitoring-Frameworks anfangs gar nicht ausgelegt.

Reservierungsanzeige in einem ICE-Zug Verbindungsauswahl in der DB-Navigator-App

 

Wie sind Sie das angegangen?

Die Hauptaufgabe am Anfang, auch von iteratec, war es die fachliche Komplexität ordentlich zu schneiden, sodass die Modernisierung beherrschbar wurde. Das heißt konkret aus diesem über Jahrzehnte gewachsenen System – mit Zügen, Schiffen, Parkhäusern, europäischen Bahnen – herauszufiltern, was wir definitiv machen und was nicht. Das ist sehr herausfordernd, weil du ständig Nein sagen musst. Aber genau diese Klarheit am Anfang war der Grundstein des Erfolges. Ohne diese Vorarbeit wären wir im Scope ertrunken.

Weiterhin haben wir klassisches Risikomanagement konsequent angewendet. Über einen Proof of Concept sind wir die größten Risiken zuerst angegangen, sodass wir nach einem halben Jahr hätten abbrechen oder umschwenken können, wenn der technologische Ansatz nicht funktioniert hätte. Er funktioniert aber.

Am Ende konnten wir sogar das Projekt sechs Monate früher als geplant abschließen.

Welches Risiko hat Sie denn als Projektleiter persönlich am meisten beschäftigt und wie wurde es beherrschbar?

Die Datenverfügbarkeit und -korrektheit. Stellen Sie sich vor, wir hätten einen Platz doppelt verkauft, weil beim Übergang vom alten ins neue System Daten nicht synchron oder verloren gegangen wären. Dann säßen zwei Reisende auf demselben reservierten Platz. Das würde unweigerlich zu Konflikten führen. Bei mehreren hunderttausend Transaktionen, darf so ein Fehler nicht passieren.

Platzauswahl, Angebotsauswahl und Komfort Check-In in der DB-Navigator-App

 

Deshalb sind wir strikt inkrementell vorgegangen und haben mit unkritischen Use Cases gestartet, wie der Verfügbarkeitsauskunft auf bahn.de, ob ein Zug noch reservierbar ist. So konnten wir schrittweise die komplette Datengrundlage testen und extrem viel über Datenqualität lernen. Weitere weniger kritische Features folgten, wie die grafische Sitzplatzauswahl oder der Komfort Check-in. Bei der eigentlichen Reservierungsbuchung – dem kritischen Teil – sind wir Zugnummer für Zugnummer vorgegangen: Erst ein Zug pro Tag im neuen System, dann zehn, 50, 100. Wäre etwas schief gegangen, wären die Auswirkungen erst einmal begrenzt gewesen. Am Ende hatten wir aber keinen einzigen Ausfall der Reservierungsbuchungen.

Sie hatten über 40 Leute von verschiedenen Dienstleistern im Projekt. Welche Rolle hatte iteratec bei diesem Erfolg?

Das Entscheidende war die technische Führung von Anfang an. iteratec hat den technischen Projektleiter gestellt, den Lead Architekten, Lead Developer, Quality Lead – da haben wir uns von Anfang an gut ausgestattet. Beispielsweise hat der Lead Developer von iteratec einheitliche Standards über alle Teams hinweg und die Kommunikation zwischen den Entwicklungsteams aufrecht gehalten. Das war Gold wert. Neue Microservices waren binnen Stunden aufgesetzt, die Pipeline war nie ein Schmerz. Diese technische Homogenität war der Grundpfeiler für reibungslose Zusammenarbeit; selbst dann, als wir gegen Projektende hin alle drei Monate unsere Teams etwas umstellen mussten, um die Arbeitslast zu balancieren.

💡Zuvor hat die Deutsche Bahn zusammen mit iteratec auch ihr Vertriebssystem modernisiert. Mehr dazu in diesem Blogartikel.

Aber mindestens genauso wichtig war das Mindset. Die Kolleg:innen haben in den Schlüsselrollen eine Arbeitsweise eingebracht, die ansteckend war. Wir hatten ausschließlich Menschen im Projekt, die wollten. Alle haben das zu ihrem Projekt gemacht. Diesen Spirit haben die iteratec-Kolleg:innen maßgeblich geprägt, aber alle waren voll dabei. Dass wir alle iteratec-Kolleg:innen jetzt in Folgeprojekte mitnehmen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, ist für mich der stärkste Beweis unserer Zufriedenheit.

Das Projekt wurde sechs Monate früher als geplant abgeschlossen, 10% Budget eingespart, der Scope dabei sogar noch erweitert. Aber welchen konkreten Vorteil hat das modernisierte Reservierungssystem denn für Kundinnen und Kunden?

Das Reiseerlebnis hinsichtlich der Reservierung ist durchgängig besser geworden. Das beginnt bei den eingangs erwähnten 5.000 Anfragen pro Sekunde, die wir in unter 50 Millisekunden beantworten und zeigen, in welchen der Züge für die Reisenden, Fahrräder, Rollstühle usw. noch Plätze reservierbar sind. Für viele Kunden ist das ein entscheidendes Kaufkriterium.

Die Platzvorschläge sind intelligenter: Familien bekommen bevorzugt Plätze im Familienbereich, Alleinreisende im Ruhebereich, Gruppen im Großraum usw. Mehr Menschen buchen erfolgreich ihre Reservierung, weil die Fehlerrate gegenüber dem Bestandssystem massiv gesunken ist: Im Altsystem konnten die vielen kurzfristigen Fahrplanänderungen gar nicht schnell genug manuell nachgepflegt werden; wir machen das jetzt völlig automatisch. Die Check-in-Quote ist höher, die Platzanzeigen im Zug sind zuverlässiger und vieles mehr. Das alles trägt zu einem spürbar besseren Reiseerlebnis und damit zur Kundenzufriedenheit bei.

Und welchen Impact hat das Projekt für die Deutsche Bahn?

Wir haben ein System geschaffen, das deutlich stabiler läuft, besser betreibbar ist und in der Cloud nur noch die Ressourcen blockt, die wir tatsächlich brauchen, sodass wir Kosten im Betrieb sparen. Und strategisch schaffen wir eine Plattform für die Zukunft, auf der wir kontinuierlich neue Features entwickeln können. Wir haben nun eine Grundlage für Innovationen, die in einem 40 Jahre alten System unmöglich waren.

Ein Blick in die Zukunft: Was bedeutet dieses Teilprojekt für die digitale Strategie der DB?

Die Modernisierung des Reservierungssystems ist Teil eines großen IT-Sanierungsprogramms bei der Bahn. Teil davon war auch die komplette Modernisierung des Vertriebssystems, dass wir 2023 auch mit iteratec eingeführt haben. Insgesamt schaffen wir bei der Bahn ein modernes digitales Ökosystem.

Was viele nicht wissen: Die Deutsche Bahn macht hier Softwareentwicklung auf Champions-Niveau. Ein ehemaliger Kollege sagte mir: 'Was ihr hier macht, ist Champions League. Draußen ist Regionalliga.' iteratec hat dieses Niveau aktiv mitgestaltet. Dieses Know-how und diese bewährten Teams nehmen wir jetzt mit in weitere Modernisierungsprojekte.

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