Medical Care Glasses – Mit Augmented Reality die Zukunft der Pflege gestalten

Von Michelle Schlicher

Eine Augmented-Reality-Brille kann Pflegekräfte stärken und somit auch zu einem besseren Pflegeangebot führen. Das ist die Vision unserer Medical Care Glasses, an deren Software wir momentan entwickeln. In diesem Artikel soll diese Vision verdeutlicht und gezeigt werden, wie wir mit neuen Technologien einen Teil der Hilfe bereitstellen können, die in der Pflege so dringend benötigt wird.  

 

Warum sich in der Pflege etwas ändern muss 

Pflegenotstand. Wir erinnern uns an Alexander Jorde, der 2017 in der ARD-Wahlarena davon sprach, dass tagtäglich die Menschenwürde in Pflegeinrichtungen verletzt wird, weil schlichtweg nicht genug Personal verfügbar ist, um alle Patienten angemessen behandeln zu können [1]. Pflegekräfte arbeiten auch drei Jahre später noch unter einem enormen Termin- und Leistungsdruck, um alle Patienten versorgen zu können. Nicht selten führt dies zu übermäßiger psychischer Belastung. Auch der Körper wird durch langes Stehen sowie das Heben und Tragen schwerer Lasten stark beansprucht [2]. Vermehrte krankheitsbedingte Ausfälle sind die Folge. So sind Pflegekräfte häufiger arbeitsunfähig als Personen anderer Berufsgruppen [3]. Das führt wiederum zu Unterbesetzung und steigendem Druck auf die Pflegekräfte.

Gleichzeitig fehlt oft abgegrenzte Freizeit, die Pflegekräften einen angemessenen Ausgleich bietet. Schicht- und Nachtarbeit belasten soziale Beziehungen und Gesundheit. Nicht selten kommt es vor, dass Pflegekräfte an freien Tagen einspringen müssen, um die Ausfälle von Kollegen kompensieren zu können [4]. Das moralische Gefühl Patienten und Kollegen nicht im Stich lassen zu können wird ausgenutzt, um Personalkosten zu sparen.

Die Arbeitssituation in der Pflege nachhaltig zu verändern erfordert strukturelle Anpassungen und politisches Handeln. Allerdings sind wir davon überzeugt, dass neue Technologien einen wertvollen Beitrag zur Reduzierung der Arbeitsbelastung von Pflegekräften liefern kann. Deshalb möchten wir diese mit unseren Medical Care Glasses in ihrem Alltag unterstützen, so dass sie sich bestmöglich auf die Patienten konzentrieren können, ohne ihre eigene Gesundheit durch übermäßige Stressbelastung zu gefährden.

Warum Augmented Reality? 

Da das Problem des Pflegenotstands mit dem demographischen Wandel in Zukunft wahrscheinlich noch größer werden wird, brauchen wir eine Lösung mit entsprechend großem Zukunftspotenzial. Mit einer Augmented-Reality-Brille haben wir einen guten Ansatzpunkt dafür gefunden. Denn nicht ohne Grund spekulieren viele Experten, dass Augmented Reality (AR) Teil der nächsten großen Computing-Welle sein wird. Schon heute finden AR-Brillen Einsatz in Industrie und Unternehmen. Also warum nicht auch in der Pflege?

Vorteil einer AR-Brille ist, dass die Pflegekräfte Zugriff zu wichtigen Informationen erhalten, während sie ihre Hände frei haben für Tätigkeiten am Patienten. Statt wie bislang häufig in Papierform werden die relevanten Patientendaten per Hologramm eingeblendet. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass der Einsatz unserer AR-Brille aufgrund von Hardware-Limitationen aktuell noch etwas in der Zukunft liegt. Denn damit sich die Brillen im Pflegealltag durchsetzen, müssen sie das Format einer Alltagsbrille besitzen. AR-Brillen wie die Microsoft HoloLens, mit der wir momentan eine Lösung konzipieren, sind einfach noch zu unhandlich. Doch selbst wenn die Hardware noch etwas Zeit in Anspruch nimmt, ist es nicht zu früh, um an mögliche Funktionalitäten und deren Umsetzung zu denken.

Wie sieht unsere Unterstützung aus?  

Um herauszufinden, wie nun konkrete Funktionalitäten für unsere AR-Brille aussehen könnten, haben wir Interviews mit Pflegekräften durchgeführt. So konnten wir insbesondere die Dokumentation als Belastungsfaktor identifizieren. Deshalb ist unsere Vision, dass die Brille selbständig Patienten sowie erbrachte Leistungen erkennt und dokumentiert. Damit soll der Zeitaufwand für die Leistungsdokumentation stark reduziert werden. Wenn die Brille die Dokumentation automatisiert im Hintergrund ausführt, kann außerdem vermieden werden, dass sich Patienten wie eine Aufgabe oder Last fühlen könnten. Dies kann vorkommen, wenn Pflegekräfte scheinbar nur kommen, um Leistungen auf zum Beispiel einem Tablet abzuhaken. Schließlich sorgen Pflegekräfte nicht nur für physisches, sondern auch für psychisches Wohl. Die soziale Interaktion spielt zum Beispiel in der ambulanten Altenpflege oder auch in der psychosomatischen Krankenstation eine große Rolle.

Daneben ist die Vermittlung von Informationen zwischen den Schichten wichtig, um optimal auf Patienten eingehen zu können. Das schnelle Erstellen von Notizen per virtueller Tastatur oder Spracheingabe soll eine zeitnahe Dokumentation ermöglichen und den Verlust von Informationen verhindern. Die erstellten Notizen werden anschließend automatisch im richtigen Dokument der Patientenakte abgespeichert. So kann auch die Pflegedokumentation einfach erweitert werden. Ein Patientensteckbrief, der dann die wichtigsten und aktuellsten Informationen aus der Patientenakte sowie die nächsten anstehenden Aufgaben enthält, vereinfacht so die Schichtvorbereitung. Um sich zusätzlich einen schnellen Überblick über die körperlichen Beschwerden des Patienten zu verschaffen, könnten Regionen am Körper des Patienten berührungslos markiert und mit Notizen versehen werden. Diese Markierungen werden dann in späteren Schichten wieder abrufbar sein (vgl. Abbildung 1).

Augmented-Reality-Simulation in der Pflege

Abbildung 1: Anzeige einer Notiz nach Auswählen einer Körperpunkt-Markierung aus Anwendersicht. 

 

Zur Dokumentation von Wunden wird es neben der Vermessung von Länge, Breite, Tiefe, Fläche und Volumen die Möglichkeit geben ein 3D-Modell der Wunde zu erstellen. Dieses Modell kann dann zu einem späteren Zeitpunkt neben der Wunde angezeigt werden, um die Wundentwicklung besser vergleichen zu können (vgl. Abbildung 2) 

 

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Abbildung 2: Anzeige eines Wundmodells und einer Auswahl an Wunddaten aus Anwendersicht. 

 

Als letzten Hauptbereich möchten wir Hilfestellungen für generelle Aufgaben sowie in Notfällen bieten. Denn die Angst vor Fehlern und Gefahrensituationen ist ein nicht zu unterschätzender Stressfaktor. Zum Beispiel soll unsere Brille beim Richten der Medikamente gemeinsam mit der Pflegekraft den Medikamentenplan abarbeiten und dabei automatisch überprüfen, ob es sich um die richtige Art und Anzahl an Tabletten handelt, die in die Medikamentenbox gelegt werden. Bezogen auf Notsituationen wird unsere Brille Krampfanfälle erkennen können. In einem solchen Fall sollen Erste Hilfe Maßnahmen angezeigt, sowie automatisch ein Notruf abgesetzt werden. Hiervon profitieren sowohl die Pflegekräfte als auch die Patienten.
Mit diesen und weiteren Funktionalitäten hoffen wir, den Arbeitsalltag von Pflegekräften besser zu gestalten, so dass die Zeit am Patienten maximiert werden kann. Das ist nicht nur was sich Pflegekräfte wünschen, sondern liegt auch offensichtlich im Interesse der Patienten. Aus diesem Grund sollte eine Unterstützung der Pflegekräfte eigentlich im Interesse aller liegen, denn nahezu jeder von uns wird einmal einen pflegebedürftigen Angehörigen haben oder selbst Kranken- oder Altenpflege in Anspruch nehmen müssen. Letztlich wollen wir Pflegekräfte stärken und den Arbeitsalltag angenehmer gestalten, sodass auch die Attraktivität des Berufes allgemein wieder steigt. Denn sagen wir wie es ist: wir brauchen unsere Pflegekräfte.

 

Noch Fragen?

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MSMichelle Schlicher - arbeitet als Praktikantin bei der iteratec GmbH in Stuttgart.
 
 
 

Referenzen  

[1] Tagesschau (2017). ARD-Wahlarena: Fragen an Merkel zur Pflege. YouTube, veröffentlicht am 12.09.2017, ARD-Wahlarena: Frage an Merkel zur Pflege - YouTube, aufgerufen am 01.12.2020 

[2] Bundesgesundheitsministerium (2017). Gesundheitsförderung für Pflegekräfte: Wer pflegt die Pflege? 10.0.1_Service_Material.pdf (bundesgesundheitsministerium.de), aufgerufen am 01.12.2020 

[3Techniker Krankenkasse (2019). Gesundheitsreport 2019 – Pflegefall Pflegebranche? So geht’s Deutschlands Pflegekräften. Gesundheitsreport 2019 Pflegefall Pflegebranche? (tk.de), aufgerufen am 01.12.2020 

[4Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe e.V. (2016). Mein Recht auf Frei – Sammelband zur DBfK-Aktion. Mein Recht auf Frei • Sammelband der DBfK-Aktion 2016, aufgerufen am 01.12.2020 

Tags: Innovation, Software, Technology

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